Lügen?

Obwohl Lügen in unserer Gesellschaft verpönt ist, sagt jeder Mensch  durchschnittlich 200 Mal am Tag nicht die Wahrheit. Ich erkläre ihnen in welchen Situationen Flunkern fast nicht zu vermeiden ist und warum  wir ohne Lügen sehr einsam wären.
Ganz ehrlich:  Wie oft waren Sie heute unehrlich? Haben geschwindelt, gemogelt,  geschummelt, geflunkert? Kein einziges Mal? Das wäre dann allerdings ganz eindeutig eine Lüge, rein wissenschaftlich betrachtet. Manche  Psychologen und Kommunikationsforscher behaupten nämlich, wir würden um  die 200 Mal am Tag lügen; geht man davon aus, dass wir 16 Stunden  täglich wach sind, würde das bedeuten, dass wir 12,5 Mal pro Stunde die  Wahrheit verdrehen. Über diese Zahl wird viel gestritten: Völlig  übertrieben, sagen nämlich andere Psychologen und  Kommunikationsforscher. Korrekt sei vielmehr, dass wir alle etwa zweimal  in einem zehnminütigen Gespräch die Unwahrheit sagen.Es  ist jedoch ziemlich egal, welche Zahl nun stimmt, denn über eines sind  sich alle Lügenforscher einig: Wir alle binden Bären auf und verbiegen  beim Lügen Balken, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Und zugeben würden  wir das sowieso nie. Aber wieso eigentlich? Warum behandeln wir die  Lüge so schlecht? Verpassen ihr kurze Beine und eine lange Nase? Damit  tun wir ihr Unrecht.

Ohne Unwahrheiten würde unser soziales System zusammenbrechen

Lügen  ist ein wichtiges Kommunikationsmittel, eine Fähigkeit, die wir als  Kinder schmerzhaft lernen müssen, wenn uns zum Beispiel beim  Sonntagskuchen im Verwandtenkreis der Satz rausrutscht: „Mama hat  gesagt, Tante Leni wird auch immer fetter!“  Die  Lüge ist eine Art gesellschaftliches Schmiermittel; ohne gekonntes  Schwindeln würde unser gesamtes soziales System zusammenbrechen. Wie  wichtig und unverzichtbar sie ist, würde uns auffallen, wenn uns die  Fähigkeit zum Flunkern abhandenkommen würde. An einem lügenlosen Tag  würden wir viele Mitmenschen vor den Kopf stoßen oder sehr unglücklich  machen - und würden selbst einsam, arbeitslos und pleite. Der  neugierigen Nachbarin würden wir statt „Guten Morgen, wie geht’s“ ein  lautes „Ja, das war gestern Nacht ein leicht angetrunkener und sehr gut  aussehender Mann, den ich mit in meine Wohnung genommen habe, Sie alte  Hexe!“ zurufen.

Wir würden es uns mit Freunden und der Verwandtschaft verscherzen

Der  netten, aber hässlichen Bekannten würden wir „Dieser furchtbare neue  Stufenschnitt lenkt immerhin von deinem Zinken ab“ an den Kopf werfen.  Den Kollegen würden wir statt  einem freundlichen „Sorry, ich kann nicht weg, ich stecke bis über  beide Ohren in Arbeit“ zuzischen: „Ich habe echt keine Lust, mit euch  Schleimern und Langweilern Mittag essen zu gehen.“ In der  Steuererklärung müssten wir gestehen, dass alle Sachbücher, die wir  abgesetzt haben, in Wirklichkeit schwedische Krimis sind. Beim  Bewerbungsgespräch käme heraus, dass der „Sprachkurs“ in Südfrankreich  eine einzige Strandparty war und dass „Ungeduld“ noch die beste unserer  schlechten Eigenschaften ist. Unserer Oma würde das Herz brechen, würde  sie erfahren, dass wir ihre Jägerschnitzel seit unserer Kindheit  angeekelt runterwürgen. Und auch unser Liebster würde enttäuscht sein,  wenn wir ihm sagen müssten, dass die Freude über die spießige  Perlenkette an Weihnachten nur gespielt war - in Wirklichkeit hatten wir  auf einen iPod gehofft.

Die meisten Lügen dienen dem Selbstschutz

Und  wie ist es mit „Ich guck nur Arte“, „Ich war schon jahrelang nicht mehr  bei McDonald’s“, „Ich habe mit ihr Schluss gemacht!“, „Ich liebe dich  wie am ersten Tag“, „Welche E-Mail? Die muss im Spamordner gelandet  sein!“, „Ich muss auflegen, da klingelt jemand an der Tür“, „Ich hätte  dir wirklich gerne beim Umzug geholfen, aber am Wochenende feiert meine  Patentante 70. Geburtstag“, „Oh, oh, ich komme!“?Nur  die wenigsten Lügen sind böse und gemein. Lügenforscher haben  herausgefunden, dass wir in 50 Prozent der Fälle aus sogenannten  prosozialen Gründen lügen - also, um das Zusammenleben und -arbeiten zu  erleichtern - sowie aus altruistischen Gründen, wie beim Jägerschnitzel  und der Perlenkette.

Selbst in der Liebe sollte man nicht immer die Wahrheit sagen

Auch  in der Liebe hat man wenig Chancen ohne die Lüge. Beim Klassiker des  Kennenlernens „Junge trifft Mädchen“ ist gekonntes Schwindeln eine  Grundvoraussetzung, um dem anderen näherzukommen. Der Soziologe Karl  Lenz bezeichnet grundloses Ansprechen des Objekts der Begierde als  „Verstoß gegen die rituelle Ordnung der Interaktion“, da man in das  „Gesprächsreservat“ des anderen eindringe, was als „Entweihung der  Person“ wahrgenommen werde. Übersetzt man dieses Soziologendeutsch,  stellt man fest, dass jeder von uns solche Begebenheiten kennt: Werden  wir auf der Straße oder im Restaurant von Fremden angesprochen,  reagieren wir darauf erst einmal zurückhaltend oder sogar misstrauisch.Wer  also ein Gespräch beginnen will, braucht einen Grund, und die Wahrheit  führt bestimmt nicht zum Ziel: „Du siehst total umwerfend aus. Ich will  dich kennenlernen und möglichst schnell mit dir schlafen. Vielleicht  ziehen wir irgendwann zusammen?“ Es gibt aber Codewörter und -sätze, mit  denen man ziemlich genau das sagen kann: „Kennen wir uns nicht?“, „Hast  du mal Feuer?“, „Bist du auch öfter hier?“ Der Fragesteller ist nicht  wirklich an einer Antwort interessiert, er umschifft nur den Verstoß des  grundlosen Ansprechens. Der Inhalt des ersten Satzes ist für den Erfolg  ziemlich egal, wichtig ist nur, dass der Grund für die Kontaktaufnahme  verschleiert wird, selbst wenn beide Seiten den Betrug durchschauen.

In China sind Höflichkeitslügen schon fast selbstverständlich

Keine  Frage: Wir brauchen die Lüge und sollten endlich einsehen, dass sie  viel besser ist als ihr Ruf. In Asien weiß man das längst, denn dort  herrscht laut dem Sinologen Harro von Senger ein „unverschämter Umgang“  mit der Lüge, bei uns dagegen ein „verschämter“. Lügen aus Höflichkeit,  um unnötige Konflikte zu vermeiden oder das Gesicht zu wahren, sind in  China gang und gäbe. Unsere direkte Art und die hochgelobte Ehrlichkeit  empfindet man dort als rüde und wenig einfühlsam. „Wer lügt, ist nett“,  fasst mein chinesischer Bekannter Song Xingliang die Haltung zum Thema  Unwahrheit im Reich der Mitte zusammen und gesteht der Lüge damit ein  Lob zu, das sie verdient hat. Unser Leben wäre weniger lebenswert ohne  sie. Ehrlich.